SCHWEIZER MODEDESIGN IM KONTEXT DER SOZIALEN UND ÖKOLOGISCHEN FAIRNESS

Der fair & green fashion Trend scheint nicht mehr zu stoppen und das ist auch gut so: Immer mehr Modelabels verbinden innovatives Design und Fairness und produzieren getreu ihrer Philosophie. Oft haben gerade die jungen Labels hohe Ideale und Ansprüche an sich und ihre Lieferketten, und bezeugen dies durch glaubwürdige Zertifikate und Transparenz. Die hohen Investitionen nehmen die jungen Gründer in Kauf. Über deutsche Labels (z.B. Slowmo, Minga Berlin, Atelier Awash, Uniwearsal u.a.) haben wir schon öfters berichtet. Doch wie sieht es mit der sozialen und ökologischen Fairness bei den Schweizer Labels aus? Wir waren auf der Mode Suisse (Zürich) und Designgut (Winterthur) und haben bei neun Schweizer Modelabels nachgefragt.

 

Der gemeinsame Grundsatz: Qualität vor Quantität

In der Frage, was sie besonders fair macht, sind sich die Labels einig. Ihre Kleidung ist in mehrfacher Hinsicht nachhaltiger als Kleidung vom Billiganbieter um die Ecke: Stoffe und Verarbeitung sind qualitativ hochwertig, und oft in Haptik und Optik etwas Besonderes. Die Schnitte sind innovativ und doch klassisch. Manche Teile sind wandlungsfähig, sind etwa gleichzeitig Schal und Oberteil, Wasserfallkragen oder Kapuze. Durch die übersichtlichen Strukturen und den direkten Kontakt zum Kunden kommt es nur selten zur Überproduktionen. Allgemein gilt: Qualität kommt vor Quantität.

Weitere Aspekte berücksichtigen die Labels besonders: Sie unterstützen den Werkplatz Schweiz, und versuchen, das Knowhow in Europa so viel wie möglich zu nutzen. Oft bieten die Labels ausserdem einen umfassenden Service an wie Beratung, Abänderung, Pflege und Reparatur ihrer Produkte. Auch damit steigern sie die Langlebigkeit und Qualität des Produkts sowie den Bezug zur Herkunftsquelle. Natürlich hat das auch seinen Preis: Wer ein teureres Kleidungsstück kauft, wählt es anders aus, trägt das Kleidungsstück bewusster und länger, und pflegt es sorgfältiger.

Kathrin Ambühl, Medienverantwortliche der Designgut, der Schweizer Designausstellung für nachhaltige Produkte, sieht im lokalen Design einen wachsenden Trend: „Leute interessieren sich zunehmend dafür, wo ihr Kleidungsstück herkommt. Design-Einzelstücke oder Kleinserien in hoher Qualität mit lokaler Herkunft finden immer mehr Anklang.“ Designlabels versprechen oft Transparenz und einen Bezug zum Hersteller. Doch wie weit geht dieser Bezug?

Fairness und Transparenz entlang der Wertschöpfungskette

Produktion von Bekleidung

Alle befragten Labels geben an, ihre Produktionsstätten gut zu kennen und einen engen Bezug zu ihnen zu haben. Viele Labels, so zum Beispiel Peter Müller, Debora Rentsch und Yoshiki nähen im eigenen Atelier und verkaufen ihre Produkte im Atelierladen sowie in ausgewählten Boutiquen. Das Zürcher Label Ida Gut lässt in der Schweiz nähen. Weitere Labels, so Asandri, produzieren in nahegelegenen europäischen Produktionsstätten. Die Modelle von Aetheree werden in Ungarn genäht. Designerin Ly-Ling Vilaysane weiss, wie viel die Arbeiterinnen in der Produktionsfabrik in Ungarn monatlich verdienen – dieser Lohn sei für dortige Verhältnisse gut. Obwohl es günstigere Produktionsstandorte gäbe, möchte Vilaysane in Ungarn bleiben, verbringt jeweils mehrere Tage wärhend der Produktion vor Ort. Ensoie arbeitet seit über 25 Jahren mit einer Manufaktur in Indien zusammen und legt insbesondere Wert auf den langjährigen intensiven Austausch, die kreative Zusammenarbeit sowie die regelmässige Aufteilung der Aufträge über das ganze Jahr.

Materialherstellung

Die hochwertigen Stoffe aus Wolle und Seide stammen oft aus Italien, feine Baumwollstoffe aus der Türkei oder aus der Ostschweiz. Einige Labels kaufen den Stoff direkt beim Hersteller, andere über Agenten, die Stoffe von verschiedenen Herstellern im Angebot haben. Peter Müller arbeitet zum Teil mit Pre-Consumer-Waste, also Reststoffen aus der Bekleidungsproduktion. Häufig sind die Stoffe Ökotex 100-zertifiziert. Einige wenige Labels, so zum Beispiel Monika Schneiter mit ihrer Casual-Linie, arbeiten mit kleinen Betrieben zusammen, die die Stoffe herstellen und weiterverarbeiten. Ihre Partnerfirma in Marokko strickt, färbt, bedruckt und näht GOTS-zertifiziert.

Deborah Rentsch arbeitet meist mit Ökotex 100-zertifizierten Materialien. Gleichzeitig meint sie, dass die Suche und der Kauf von noch strenger zertifizierten Materialien ihre Preise in ein anderes Segment heben würde – und damit ihre zumeist jungen Kundinnen vertriebe.

Asandri spricht als einziges der befragten Labels auf seiner Homepage explizit von einer nachhaltigen, transparenten Produktion, ohne jedoch Details preiszugeben. Auf unsere Nachfrage erfahren wir, dass die Stoffe grösstenteils von europäischen Produzenten stammen. In der aktuellen Kollektion wird neuerdings Pelz von jährlich bejagtem Schweizer Rotfuchs verwendet und in Zürich verarbeitet. Ob die verwendeten Stoffe teilweise GOTS-zertifiziert sind oder aus kontrolliert biologischem Anbau stammen, liess sich anhand der Labelangaben leider nicht überprüfen, da die Stoffhersteller hierzu keinerlei Informationen auf Ihren Webseiten bereit stellen, und bei einem Hersteller nur ein abgelaufenes Ökotex 100-Zertifikat zum Download steht. Schade, denn ohne  glaubwürdige Nachweise, können wir ein Label nicht als fair einstufen.

Was besagt überhaupt das Ökotex 100-Zertifikat? Und warum taucht es nicht in unseren Nachhaltigkeitskriterien auf? Das Zertifikat bescheinigt, dass die Stoffe nicht mit gefährlichen  Chemikalien belastet sind, die zum Beispiel bekannt dafür sind, dass sie Allergien auslösen. Es geht also um die möglichen negativen Auswirkungen auf den Träger des Kleidungsstücks, und weder um die Belastung der Umwelt noch die Gefährdung der Arbeiter in den Produktionsländern.

Rohstoffproduktion

Fast immer geraten die transparenten Produktionsketten beim Rohstoff ins Stocken. So meint auch Josephine Hosse von Phine: „Die Rohstoffkette ab Raupenzucht ist leider sehr lange und undurchsichtig. Da bleibt noch vieles zu erkunden und zu verbessern!“. Vielfach ist nicht bekannt, woher die Stoffproduzenten ihre Rohstoffe beziehen. Gerade Labels, die auf den Einkauf von kleineren Stoffmengen angewiesen sind, haben in der Schweiz wenig Auswahl an zertifizierten Stoffen und kaum Käufermacht. Oft setzen die Designer lieber auf bekannte und gleichbleibend hohe Qualität, sowie exklusive und seltene Gewebe und Gewirke. Die langjährige Zusammenarbeit mit Lieferanten und europäischen Traditionshäusern kommt vor Zertifizierungen und einer transparenten, umwelt- und sozialvertäglicheren Stoffherstellung.

Ein langer Weg zur sozialen und ökologischen Fairness

Im letzten Blogeintrag haben wir unsere Definition von Fairness in der Mode umfassend am Beispiel des Falls Takko vorgestellt (GEFÄNGNISSARBEIT BEIM FWF-MITGLIED TAKKO. IST DAS NOCH ‘FAIR WEAR’?). Für uns muss ein faires Label mehrere Kriterien entlang der Wertschöpfungskette erfüllen und dies transparent durch ökologische Zertifikate und Mitgliedschaften in Sozialstandardorganisationen oder andere glaubwürdige Dokumente bezeugen. Da die Kette sehr komplex ist, gelingt dies vielen Labels momentan nur teilweise. Viele sind auf einem guten Weg, weil der Markt insgesamt offener wird und die Stoffauswahl sich auch für kleinere Labels vergrössert. Wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Fairness im sozialen und ökologischen Sinn bereits mit der Beschaffung der Rohstoffe beginnt und im gesamten Kreislauf vom Design über die Herstellung bis zur Entsorgung berücksichtigt werden sollte. Hierfür gibt es mittlerweile einige zukunftsweisende Konzepte wie Upcycling, Verwendung von recycelten Fasern (Baumwolle, Wolle, Polyester), Zero Waste, Pre-Consumer Waste, Cradle to Cradle.

 

Auch Monika Schneiter, die von allen befragten Labels in unseren Augen als ein faires Label gelten kann, meint: „Es braucht es viel Ausdauer, um sich zu etablieren und mit Qualität überzeugen zu können. Noch mehr Ausdauer ist erforderlich, wenn man dies mit einer nachhaltigen Produktionskette tun will.“ Genau diese Ausdauer wünschen wir den Labels, die eine Vorreiterrolle übernehmen wollen. Auf der anderen Seite wünschen wir den Labels KundInnen, die wertschätzen, was alles hinter einem Kleidungsstück steckt. Dabei tragen in der Schweiz auch Veranstaltungen wie Designgut, Mode Suisse und Blickfang (in Zürich vom 23. bis 25.11.2012) dazu bei, eine Brücke zwischen Interessierten und Designern zu schlagen. Erst diese persönlichen Gespräche machen Design greifbar und helfen dabei, die Frage der Herkunft einerseits und der sozialen und ökologischen Fairness andererseits mehr ins Bewusstsein zu rücken.

Text: Anna Perrottet und Irina Starmanns

Label

Rohstoffe und ihre Herkunft (falls angegeben)

Stoffherstellung

Bekleidungsherstellung

Aetheree, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle
  • Wolle
  • Seide
  • Synthetische Fasern
Schweiz, Italien Ungarn
Asandri, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle
  • Wolle
  • Seide
  • Pelz (Schweiz)
  • Synthetische Fasern
Schweiz, Europa Schweiz, Italien, Deutschland, Ungarn
Debora Rentsch, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle
  • Leinen
  • Wolle
  • Seide
  • Synthetische Fasern
Italien, Türkei, Österreich, Tschechien Eigenes Atelier, Schweiz
Ensoie, Accessoires, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle
  • Wolle
  • Seide
Druck: Indien, Stickerei: Nepal Schweiz, Polen, Ungarn, Nepal, Indien
Ida Gut, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle
  • Wolle
  • Seide
  • Synthetische Fasern
Schweiz, Deutschland, Italien, weitere europäische Länder, Japan Schweiz
Peter Müller, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle
  • Wolle
  • Seide
  • Synthetische Fasern
Schweiz, Italien Eig. Atelier, Deutschland
Phine, Accessoires
  • Baumwolle
  • Wolle
  • Seide
Italien Eig. Atelier, Schweiz
Monika Schneiter Couture, Accessoires
  • Seide
Stoffdruck: Niederlande Schweiz (Handroulierte Säume), Niederlande (Gesteppte Säume)
Monika Schneiter, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle,

100% kbA-zertifiziert

Indien und Marokko

Marokko100%GOTS-zertifiziert Marokko100%GOTS-zertifiziert
Yoshiki, Damenoberbekleidung
  • Baumwolle
  • Wolle
  • Synthetische Fasern
Italien Eigenes Atelier, Heimarbeit in der Schweiz, Türkei

2 Kommentare on “SCHWEIZER MODEDESIGN IM KONTEXT DER SOZIALEN UND ÖKOLOGISCHEN FAIRNESS”

  1. aéthérée sagt:

    Vielen Dank für den schönen Beitrag!

    Mit Liebe und Schweizer Sorgfalt produzierte Mode hat unserer Erfahrung nach definitiv Zukunft. Denn es gibt immer mehr Kunden, die grossen Wert auf faire Produktionsbedingungen und sorgfältige Verarbeitung legen.

    Wir von aéthérée produzieren seit Anfang dieses Jahres alle Kleidungsstücke in unserem eigenen Atelier in der Schweiz. Deshalb können wir jetzt auch Anpassungen machen und Kleider anbieten, die ganz auf die individuellen Masse unserer Kunden zugeschnitten sind. Und das ist ein Service den immer mehr Kunden besonders wertschätzen und auch gerne für sich in Anspruch nehmen.

    Liebe Grüsse, Thomas von aéthérée

  2. F. S. Eiler sagt:

    „Der fair & green fashion Trend scheint nicht mehr zu stoppen!“
    Sensationeller Bericht! Wir haben sprichwörtlich aufgefressen.

    Viele Grüße und macht weiter so!


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