BEKLEIDUNGSKONZEPTE IM WANDEL. IM GESPRÄCH MIT DANIELA PAIS VON ELEMENTUM

Stellen Sie sich vor, aus Ihrem Pulli wird ein Kleid, dann ein Schal oder ein Rock. Elementum stellt Teile aus Jersey her, die durch wenige geschickt gesetzte Schnitte in zahlreichen Variationen getragen werden können. Enstanden aus einer Masterarbeit an der Design Academy Eindhoven (NL), ist Elementum heute nicht mehr aus dem ABC der ökofairen Labels wegzudenken. Wir bewundern immer wieder, wie raffiniert Elementum eine einfache Idee umsetzt, und verfolgen seit einiger Zeit die Arbeit des Labels (so in unserem Blogpost im Februar 2012). Hier nun ein Interview mit der portugiesischen Designerin und Jungunternehmerin Daniela Pais.

Anna Perrottet (AP): Für wen sind die Kleider der Elementum-Kollektion gemacht?

Daniela Pais (DP): Da die Modelle so einfach und multfunktionell sind, kann jeder und jede sie auf seine eigene Weise tragen. Meist werden die Kollektionen in gehobenen Läden verkauft, und das sind nicht zwingend Concept Stores mit strengen ökologischen und sozialen Kriterien. Zunehmend wird das ökofaire Material aber zu einem Verkaufsargument, das Interesse und Bewusstsein dafür nimmt stärker zu.

AP: Wie kamst du überhaupt auf die Idee, so vielseitige Kleidungsstücke zu kreieren?

DP: Während meines Masters im Fach „Man and Humanity“ beschäftigte ich mich mit Gestaltung und alternativen Wegen des Konsums und der Produktion. Mein Ziel war es, Möglichkeiten zu finden, wie Menschen weniger konsumieren können. Das Resultat dieser Forschung war meine erste Kollektion. Ich habe mich auch intensiv mit Kleidung im interkulturellen Kontext beschäftigt. Meine Kollektion ist eine abstrakte Kombination all dieser Dinge.

AP: Warum sind die Elementum-Produkte sozial verträglich und ökologisch?

DP: Elementum ist auf drei Ebenen nachhaltig: Die erste Ebene betrifft das Design. Meine Kleidung ist von Anfang an so konstruiert, dass sie auf viele verschiedene Arten getragen werden kann. So kann das Kleidungsstück immer wieder neu erfunden und entdeckt werden. Gleichzeitig ersetzt es im Kleiderschrank mehrere Stücke auf einmal.

Die zweite Ebene betrifft die Produktion: Sie verursacht keine Verschwendung, da alle Schnitte gerade sind und ich jeweils das ganze Material verwende; es entstehen keine Reststücke. Die Schnitte erfordern fast keine Verarbeitung. Ausserdem versuchen wir, immer in Europa zu produzieren, was ebenfalls eine Garantie für einen gewissen Grad an Kontrolle über die Arbeitsbedingungen ist. Mir ist es wichtig, möglichst nah produzieren zu können, in den europäischen Produktionsstätten gehe ich oft vorbei. Die Produktionsstätte in den Niederlanden, in der wir nun zum ersten Mal die Winterkollektion produziert haben, ist ein kleiner Familienbetrieb- einer der letzten, der noch existiert.

Erst die dritte Ebene betrifft das Material der Bekleidung: Von Beginn an arbeitete ich mit Naturmaterialien. Anfangs verwendeten wir Baumwollgarn, das nicht mehr gebraucht wurde. Das hatte kein Zertifikat, es war einfach wiederverwendetes Garn aus Portugal. Langsam wechselten wir zu biologischer, jedoch noch nicht zertifizierter Baumwolle. Jetzt, neu in dieser Saison, verwenden wir nur noch Baumwolle mit GOTS-Zertifikat.  Zertifikate werden zunehmend wichtiger, wir versuchen, diesem Trend gerecht zu werden.

AP: Was sind die besonderen Benefits und Herausforderungen bei der ethischen/nachhaltigen Produktion – für Elementum und branchenweit? 

DP: Es gibt sehr viele Herausforderungen, wenn man nachhaltig produzieren will. Man benötigt viel mehr Wissen, Know-How, muss viel mehr recherchieren, viel vorsichtiger und bewusster agieren. Ich brauchte ein Jahr, um einen geeigneten Produzenten für meine Modelle zu finden. Obwohl sie sehr einfach herstellbar sind, stehen sie trotzdem im Gegensatz zu allen konventionellen Regeln und Abläufen der Bekleidungsproduktion, es fehlt ein Teil der normalen Produktionskette. Manchmal können Textilproduzenten sehr engstirnig sein, erst wollte niemand umdenken und seine Arbeitsabläufe anpassen.

Ein Vorteil an meiner spezifischen Arbeitsweise ist, dass ich sehr flexibel bin. Ich habe Schläuche an Lager und schneide erst, wenn die Bestellungen kommen. Auch für Kunden ist das ein entscheidender Vorteil. Aus jedem Material kann ich auf Anfrage alle Modelle machen, in kleinen oder grossen Stückzahlen. Ich kann Länge und Position der Öffnungen je nach Kundenwünschen variieren.  Gerade erst hat mich eine Ladenbesitzerin kontaktiert, da eine ihrer Kundinnen eines meiner Modelle aus weissem Jersey als Hochzeitskleid verwenden wollte. Dazu musste es etwas länger sein. Ich fand das eine supertolle Idee!

AP: Wo siehst du die Mode im Jahr 2020?

DP: 2020 wird es die Unterscheidung zwischen fairer und konventioneller Mode nicht mehr geben. Es wird eine Frage des normalen Menschenverstands und eine allgemein anerkannte Tatsache sein, dass Kleidung fair und ökologisch produziert ist. Auch die Grossen werden ökofair produzieren. Das Angebot wird breiter und günstiger werden. Schon jetzt zeichnet sich diese Tendenz ja ab, doch das wird noch zunehmen. Das stellt das Konzept von Elementum aber trotzdem nicht in Frage, denn unser spezielles Merkmal ist unser Design. Der Wert von Design wird bestehen bleiben.

Wirklich fair wird die Bekleidungsbranche, wenn Luft- und Wasserverschmutzung sowie Ressourcenverbrauch in die Verkaufspreise eingerechnet werden. Wenn jedes Unternehmen für seinen Verbrauch an Ressourcen aufkommen müsste, ergäbe sich plötzlich ein ganz anderes Preisbild.

Label Elementum (NL), erhältlich im eigenen Webshop sowie in einigen ausgewählten Shops. Kosten: zwischen 80 für ein Teil aus Baumwolle und 315 Euro für ein handgestricktes Teil aus Alpaca- und Merino-Wolle.
Gegründet 2008
Zertifizierung Fasern/Konfektion Baumwolle: Rohstoff und Herstellung seit 2012 nach Global Organic Textile Standard (GOTS). Der Biobaumwoll-Jersey kommt aus Portugal und den Niederlanden, die Alpaca- und Merino-Jerseys aus Peru (nach Angaben des Labels vergleichbar mit kbt – Qualität, jedoch ohne Zertifizierung); die Verarbeitung geschieht in den Niederlanden.
Besonderes Ausgangspunkt der Kollektion ist jeweils ein Jerseyschlauch aus Baumwolle oder Wolle. Die Stücke spielen mit der Einfachheit und Vielseitigkeit von Form und Material. Aufgeteilt in die Linien „Simple“, „Handmade“, „Refine“, bietet Daniela Pais sechs verschiedene Modelle an.

Text: Anna Perrottet


2 Kommentare on “BEKLEIDUNGSKONZEPTE IM WANDEL. IM GESPRÄCH MIT DANIELA PAIS VON ELEMENTUM”

  1. Fabio sagt:

    Elementum ist auf drei Ebenen nachhaltig – finden wir vorbildlich.
    Neue Labels, die es wirklich ernst meinen. Ihnen gehört die Zukunft, davon sind wir überzeugt.

    Grüße


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