GOLDENE ZEITEN FÜR HANF? IM GESPRÄCH MIT HEMPAGE GRÜNDER ROBERT HERTEL

Hanf wird in Zukunft wieder ein ernst zu nehmender Konkurrent für die weisse Flocke. Davon ist Robert Hertel, Firmengründer und Vorstandsvorsitzender der HempAge AG, überzeugt. Seit 1999 produziert HempAge Bekleidung aus Hanf und optimiert Technologien rund um die Verarbeitung der Hanffaser. Anna Perrottet sprach mit dem HempAge-Gründer über Zustände in indischen Fabriken, den Weg zum Rohstoff Hanf, und Aufgaben und Grenzen öko-fairer Pionierunternehmen in der Textilbranche.

 Anna Perrottet (AP): Für wen ist HempAge-Mode? Wie würdest du den Stil der Kleidung beschreiben?

Robert Hertel (RH): Wir möchten sehr kurzlebige Mode eigentlich ausschliessen, darum ist der HempAge-Stil eher zeitlos, jedoch auch farbig, modisch, und dem Zeitgeist entsprechend. Das Besondere: Im Zentrum unseres Designs steht Hanf und die Frage, was man daraus am Besten machen kann. Seit Anfang unserer Tätigkeit haben wir uns in der Hanfverarbeitung technisch stetig weiterentwickelt, wodurch wir qualitativ immer bessere und feinere Stoffe herstellen können. Dadurch haben wir heute fast alle Möglichkeiten und können eine sehr breite Produktpalette anbieten, von der Jeans bis zum Unterhemd.

AP: Was ist an der HempAge- Produktion besonders nachhaltig? Woher kam die Idee, Hanf als Bekleidungsmaterial wieder mehr fördern zu wollen?

RH: Ich komme ursprünglich aus der Fairtrade-Branche. Weil unsere Projekte anfangs sehr klein waren, mussten wir das Garn bei konventionellen indischen Herstellern kaufen. Was ich in Indien gesehen habe, hat mich gezwungen, eine Pause in meiner Tätigkeit für die Textilindustrie einzulegen. Ich sah, dass es keinen Sinn machte, Menschen in der Mitte der Produktionskette zu helfen, dabei aber am Anfang der Kette eine menschenverachtende Industrie zu unterstützen.

Wir haben uns dann entschlossen, uns auf den ökologischen Aspekt zu konzentrieren. Hier kam der Hanf ins Spiel. Hanf ist im Anbau von Grund auf wesentlich ökologischer als manch anderer Rohstoff (siehe Kasten). Ich war fasziniert von den technischen Innovations- und Entwicklungsmöglichkeiten, die sich uns in der Hanfverarbeitung boten. Auch eine soziale Produktion liess sich in der Hanfverarbeitung leichter umsetzen. Es gibt hier kaum eine Massenindustrie, wir arbeiten mit kleinen, überschaubaren Unternehmen zusammen. Anfangs produzierten wir in Rumänien, doch die Qualität des chinesischen Hanfs ist um einiges besser. Wir hatten lang mit einer Produktion in China geliebäugelt, hatten aber natürlich auch die bekannten Vorurteile gegen China. Oft sagten die Hersteller auch, ein Besuch in den Fabriken wäre ganz und gar unmöglich. Wir wollten die Produktionsbedingungen jedoch sehen und kontrollieren dürfen; anders machen wir keine Geschäfte.

 AP: Wie kam es dann doch dazu, dass HempAge mittlerweile in China produziert?

Eines Tages bekam ich einen Tipp von einer befreundeten amerikanischen Designerin. Sie arbeitete zu dem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren mit chinesischen Produzenten zusammen. Sie hatte eine Baumwollfabrik ausfindig gemacht, die auf Hanfproduktion umgestiegen war und Textilien aus 100% Hanf produzierte. Das war bei allen unseren Tests bis dahin nicht der Fall, nirgends stimmten die Inhaltsangaben beim Garn. Es hat dann nochmal acht Jahre gedauert, bis wir angefangen haben mit einer weiteren Spinnerei zu arbeiten und noch länger bis wir die erste Jeans aus Hanf produzieren konnten.

AP: Wo siehst du besondere Chancen und Herausforderungen der öko-fairen Bekleidungsbranche?

RH: Wahrscheinlich werden die Pioniere harte Zeiten vor sich haben. Es springen zunehmend grössere, professionellere Firmen auf den Zug auf. Andererseits ist für mich dadurch ein Kampf gewonnen. Wenn die Entwicklung so weiter geht, müsste sich eigentlich jeder Pionier zufrieden zur Ruhe setzen können, glücklich damit, seinen Beitrag zum Beginn einer positiven Entwicklung geleistet zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass die grossen Firmen nicht nur Greenwashing betreiben, sondern wirklich die Absicht haben, ihre Produktionsmethoden zu ändern.

Die grösste Herausforderung und schwierigste Aufgabe liegt momentan bei den Verbrauchenden. Es ist an ihnen, Auswirkungen von Konsumentscheiden zu erkennen und aufgrund von Informationen Entscheidungen zu treffen. Doch wie sollen Leute differenziert entscheiden, solange Anzeigenschaltungen auch den Inhalt der Zeitungen vorgeben? Wir werden heute erschlagen mit Argumenten, die man gar nicht durchschauen kann, wo man keine andere Wahl hat, als zu glauben, dass das ok ist. Sogar für den besten Journalisten ist es schwierig, zur letzten Wahrheit vorzustossen.

AP: Genau hier kommen Plattformen wie Netzwerk Faire Mode ins Spiel. Pioniere, die sich vielleicht bald zur Ruhe setzen können, Missstände und Greenwashing andererseits: Wie sieht die Branche 2020 aus?

RH: Ich wage zwei Prognosen:  Im Moment  ist die Gesetzgebung hinsichtlich Mindestlöhnen in Indien und Bangladesch vielleicht der grösste Hemmschuh für eine weltweit sozialere Textilindustrie. Wenn wir in diesen zwei Ländern eine Änderung der Gesetzgebung erreichen, dann könnte ich mir sogar vorstellen, dass wir 2020 eine wirklich faire Textilindustrie haben, von der Menschen leben, in der sie einen angemessenen Lohn verdienen können. In einer solchen Textilindustrie würde ein T-Shirt dann halt wieder einmal mehr kosten als ein Brötchen. Ich denke, das wäre auch richtig so. Die grossen Steine, die noch auf dem Weg zu einer durchgehend ethischen Textilindustrie liegen, können allerdings kaum die Pioniere der öko-fairen Mode aus dem Weg räumen. Da müssen andere Leute ran.

Die FWF hat in diesem Kampf die grössten Fortschritte der letzten Jahrzehnte gemacht –  exemplarisch z.B. in der deutschen Outdoorbranche. Auch über FWF-Mitglieder wie Takko werden grosse Hebel bewegt. Mir fällt ausserdem die geniale Detox-Kampagne von Greenpeace ein – genau  aufgrund solcher Fortschritte gibt es Hoffnung.

Meine zweite Prognose, da trau ich mich jetzt ein wenig raus und sage: Hanf ist 2020 als Rohstoff für die Textilproduktion günstiger und qualitativ besser als Baumwolle!

AP: Robert Hertel, vielen herzlichen Dank für das Interview.

Gegründet 1999
Mitgliedschaften Fair Wear Foundation (FWF); Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN)
Zertifizierung Global Organic Textile Standard (GOTS) für Spinnerei, Färbung und Konfektionierung
Fasern Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau (kba); Zertifizierung von Hanf ist aus technischen, administrativen und ökonomischen Gründen noch nicht möglich (siehe dazu die Hanfinfo von Hempage)
Besonderes HempAge erforscht die Hanffaser und investiert seit Beginn in die technische Optimierung der Hanfverarbeitung. In Kombinationen mit Baumwolle und Seide entsteht eine zunehmend breite Palette an attraktiven Textilien, die angenehm zu tragen sind. Der Hanf wird in kleinbäuerlichen Betrieben im ländlichen China angebaut. In unmittelbarer Nähe der Anbaugebiete werden die Hanffasern zu Garn versponnen, dann zu Strick und Gewebe weiterverarbeitet und konfektioniert.
Hanf als Textilfaser Die Hanfpflanze vereint beinahe alle positiven Eigenschaften in sich, die der Baumwolle fehlen, hat also eine vorbildliche Ökobilanz: Hanf wächst schnell (bis zu vier Metern in drei Monaten), benötigt keine Düngstoffe oder Pestizide gegen Unkraut und Schädlingsbefall, und muss wenig bis gar nicht bewässert werden.Die für Textilien am besten geeigneten Hanfsorten dürfen wegen ihres leicht über dem Grenzwert liegenden THC-Gehalts zur Zeit in Deutschland nicht angebaut werden. Da geerntete Hanfstängel sehr voluminös sind, müssen sie möglichst in der Nähe des Anbaugebiets verarbeitet werden. Dadurch ist die Möglichkeit der Hanfverarbeitung auf nur wenige Gebiete beschränkt.In den letzten Jahrzehnten hat Hanf eine Verdrängung durch Baumwolle und Chemiefasern erlebt; verarbeitende Maschinen für die Textilindustrie wurden kaum weiterentwickelt. Im Moment ist Hanfstoff deshalb in der Herstellung noch etwa fünfmal teurer als vergleichbares Material aus Baumwolle – einer der Hauptgründe, weshalb er seltener hergestellt und zu Kleidern verarbeitet wird. Weitere Forschung kann dazu beitragen, dass der umweltfreundliche Rohstoff in Zukunft vermehrt genutzt wird. Noch mehr Infos zu Hanf…

One Comment on “GOLDENE ZEITEN FÜR HANF? IM GESPRÄCH MIT HEMPAGE GRÜNDER ROBERT HERTEL”

  1. F.S.Eiler sagt:

    Sensationelles Interview über Hanf.
    Gratulation.
    Die Pioniere wie Robert Hertel sind die wahren Helden der „nachhaltigen Revolution“. Gerade sie müssen sich mit Unwegbarkeiten, Bürokratie und Anfeindungen auseinandersetzen.
    Unser großer Respekt.

    Hanf wird in der Textilwirtschaft sehr, sehr wichtig werden. Davon bin ich überzeugt.

    Grüße und macht weiter so!


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