AUS DER FORSCHUNG: WARUM WERDEN NÄHERINNEN IN DER MODEINDUSTRIE NICHT FAIR BEZAHLT?

NGOs und Gewerkschaften kritisieren immer wieder, dass die national festgelegten Mindestlöhne für NäherInnen in Niedriglohnländern ausbeuterisch und menschenunwürdig seien. Ein Beispiel: Der vom Staat Bangladesch festgelegte monatliche Mindestlohn für eine Näherin liegt bei rund 30 Euro (für maximal 48 Stunden/Woche). Ein menschenwürdiges Leben ist bei diesem Lohn nicht möglich. Deshalb arbeiten viele NäherInnen täglich zahlreiche Überstunden, und leben dennoch in katastrophalen Verhältnissen in den Slums von Dhaka. In anderen Niedriglohnländern Asiens, Osteuropas und Lateinamerikas sieht es nicht viel besser aus. Aber warum ist es so schwierig, faire Löhne zu bezahlen? Martin Hobi und Mark Starmanns forschen in der Schweiz und in Indien zu dieser Frage und geben Antworten.

Was ist überhaupt ein „Existenzlohn“?

In der Asian Floor Wage Campaign (AFW) setzen sich Gewerkschaften und NGOs aus Asien und Europa für die Erhöhung der Löhne von Näherinnen in Asien ein. Die Kampagne hat für asiatische Produktionsländer einen sogenannten Existenzlohn definiert, der einer NäherIn und ihrer Familie bei einer normalen Arbeitswoche ein menschenwürdiges Leben ermöglichen soll. In Bangladesch liegt dieser Lohn bei rund 120 Euro, was etwa einer Vervierfachung des staatlichen Mindestlohns entspricht (Abbildung 1 zeigt die entsprechenden Werte für das Textilcluster Tirupur in Südindien). Für einen Fabrikbesitzer mit seinen knappen Margen ist eine Vervierfachung der Löhne absolut gesehen natürlich sehr viel, aber umgerechnet auf ein T-Shirt sind die Mehrkosten erschreckend niedrig.

Im südindischen Tirupur besuchten wir im März 2012 eine „Best Practice“ Fabrik, die für bekannte und beliebte Ethical Fashion Firmen produziert. Die Visitenkarte von Ragu, dem Fabrikmanager, ist geschmückt mit den vielen bunten Logos von Zertifikaten, nach denen seine Fabrik kontrolliert wird: GOTS, FLO, SA 8000, Ökotex 100, BSCI – und sie wurde auch durch die FWF auditiert. Ragu beziffert den Lohnkostenanteil seiner ArbeiterInnen für das Schneiden und Zusammennähen der Stoffe, das Bügeln und Verpacken eines T-Shirts mit 34 Cents (bei der Produktion sind letztendlich über 20 beteiligte ArbeiterInnen beteiligt). Das fertige T-Shirt aus FLO cotton zertifizierter Biobaumwolle kostet dann 2,55 Euro, wenn man 10.000 Stück bestellt. Hinzu kommen natürlich noch: Transportkosten, Zollgebühren, Fixkosten und Marge des Markenunternehmens und des Einzelhändlers. Je nach Marke wird das T-Shirt im Laden dann für vielleicht 10-30 Euro verkauft. Die reinen Nähkosten liegen im Verhältnis zum Endpreis also bei rund 1-4% (je nach Endpreis des T-Shirts).

In Ragus Fabrik verdienen die ArbeiterInnen bei einer normalen Arbeitswoche etwas mehr als den lokalen Mindestlohn, aber sie bekommen weitaus weniger als den von der AFW geforderten Existenzlohn. Deshalb nähen die ArbeiterInnen auch in seiner Vorzeige-Fabrik oftmals sechs Tage in der Woche 10-12 Stunden lang, damit sie genug Geld nach Hause bringen. Das ist Alltag in Tirupur. Ragu meint, wie viele andere Fabrikbesitzer, dass er die Arbeitszeit nicht auf 48 Stunden begrenzen kann, denn dann bekommt er keine ArbeiterInnen, oder sie schaffen nach der Schicht in seiner Fabrik noch woanders, um genug zu verdienen.

Warum nicht einfach die Löhne verdoppeln?

Wieso verdoppeln oder verdreifachen die Brands nicht einfach die Löhne und bezahlen damit ihre MitarbeiterInnen fair oder „menschenwürdig“? In Ragus Fabrik müsste eine Brand, die faire Löhne zahlen will, theoretisch nur rund 30 Cents mehr für ein T-Shirt bezahlen, und damit könnten – rein rechnerisch – den Näherinnen der T-Shirts Existenzlöhne gezahlt werden. Die Idee ist verlockend einfach, aber wir haben in Südasien noch von keiner Fabrik gehört, die einen Existenzlohn entsprechend der AFW-Forderungen zahlt, auch nicht Fabriken, die „Fair Trade“ oder „Fair Wear“ auditiert sind. „Best Practice“ Hinweise nehmen wir dankend entgegen!

Warum ist es in der Bekleidungsindustrie so schwierig, den Näherinnen faire Existenzlöhne zu zahlen? Mit welchen Herausforderungen sind Mitglieder der FWF und ihre Produzenten konfrontiert, wenn sie Existenzlöhne umsetzen wollen? Auf diese Fragen sucht Martin in seiner Master-Arbeit eine Antwort. Sein empirischer Fokus liegt dabei auf Schweizer Mitgliedern der Fair Wear Foundation, weil sie die Zahlung eines Existenzlohns von ihren Mitgliedern verlangt und diesen auch mit Hilfe einer so genannten Wage Ladder (Lohnleiter) definiert. Die Lohnleiter stellt dar, wo verschiedene Organisationen einen Existenzlohn definieren (u.a. auch den Mindestlohn und den Existenzlohn der AFW). Abbildung 3 zeigt, wie die Lohnleiter nach einem Fabrik-Audit die Löhne der verschiedenen FabrikarbeiterInnen (NäherIn, Schneider, BüglerIn, VerpackerIn, …) in einem Diagramm darstellt. Das Diagramm zeigt dem FWF Mitglied und der Fabrik, wo die gezahlten Löhne im Verhältnis zum Mindestlohn und zu verschiedenen Existenzlöhnen liegen. Die FWF verlangt von ihren Mitgliedern besonderes Engagement, damit die gezahlten Löhne sich im Laufe der Jahre auf der „Wage Ladder“ nach oben bewegen – um dann irgendwann den von der Asian Floor Wage verlangten Lohn zu zahlen.

Für seine Forschung sprach Martin mit Mitgliedern der Fair Wear Foundation (FWF) in der Schweiz. Er war ausserdem zwei Monate lang in Südindien (Bangalore & Tirupur), wo er mit SA8000-zertifizierten Produzenten und anderen Stakeholdern über die Herausforderungen bei der Implementierung von Existenzlöhnen sprach. Nachfolgend fasst er vorab ein paar Antworten zusammen.

Warum es so schwierig ist, Existenzlöhne umzusetzen?

… aus Sicht der Schweizer Unternehmen

  • Das grösste Hindernis ist, dass Produzenten mehrere und unterschiedliche Käufer haben. Ein Markenunternehmen, das als Mitglied der FWF beispielsweise einen Existenzlohn bezahlen will, steht oftmals in einer Fabrik mit seiner Forderung nach einem Existenzlohn alleine da. Denn alle anderen Kunden (z.B. Mitglieder der BSCI) geben sich mit den staatlichen Mindestlöhnen zufrieden. Unter diesen Umständen kann ein Produzent nicht das Lohnniveau der ganzen Firma erhöhen, selbst wenn das FWF-Mitglied Einkaufspreise zahlt, welche die Zahlung von Existenzlöhnen berücksichtigen.
  • Einen entscheidenden Einfluss auf die Möglichkeit, Existenzlöhne durchzusetzen, hat das Volumen des Käufers beim Lieferanten. Belegt ein Unternehmen einen grossen Teil einer Fabrik und erteilt langfristig Aufträge, so kann es sich leichter mit dem Lieferanten einigen, dass Existenzlöhne gezahlt werden. Aber die meisten Brands können mit ihren Bestellmengen die Fabriken eh nicht auslasten – oder bei grösseren Bestellungen verteilen sie zur Risikominimierung ihre Bestellungen auf verschiedene Fabriken.
  • Da der Existenzlohn nicht konkret definiert ist, sind die befragten Unternehmen in der Schweiz unsicher, bis auf welche Höhe sie den Lohn überhaupt erhöhen sollen. Das Instrument der „Wage Ladder“ der FWF gibt hier eine Hilfestellung. Die Unternehmen wissen, dass und wie die Arbeiter die Lohnleiter hinaufsteigen müssen, wobei die FWF nicht definiert, nach welcher Zeit das Ziel erreicht sein muss.
  • Eine wichtige Rolle spielt auch der lokale Kontext. Von Ort zu Ort prägt er die Umsetzung des Existenzlohns. Eine eindrückliche Bemerkung machte ein Manager in der Schweiz, der gerne auch 1-2 Euro mehr für seine Waren gezahlt hätte: „Wir wären ja bereit gewesen, den Einkaufspreis zu erhöhen, damit die Produzenten einfach anständige Löhne bezahlen können. Es ist aber eine ganz komische Argumentation gekommen und das muss man einfach hinter dieser Kultur und dieser Situation verstehen. In Indien hiess es: Wenn die Arbeitnehmende mehr Lohn bekommen würden, würden sie weniger arbeiten.“ (Januar 2012)

… aus Sicht indischer Produzenten

  • Die grössten Herausforderungen aus Sicht der Produzenten decken sich mit den Aussagen der Käufer: 1. Hat ein Produzent mehrere Käufer, wollen nicht alle einen Existenzlohn mittragen. 2. Wie soll der höhere Lohn (gerecht) an oftmals nur einen Teil der ArbeiterInnen weitergegeben werden?
  • Eine Charakteristik der Textilindustrie bringt weitere Schwierigkeiten mit sich: Die Saisonalität und damit verbunden die ungleiche Verteilung der Bestellmengen über das ganze Jahr. Beide Faktoren erschweren es den Produzenten, ihre Belegschaft kontinuierlich zu bezahlen. Da sich alle Bestellungen immer in einen engen Zeitkorridor quetschen, muss in kurzer Zeit viel produziert werden, was zu Überstunden führt, die teilweise nicht entlöhnt werden. Schweizer Unternehmen kritisieren, dass die Lieferanten teilweise gar nicht zwischen normaler Arbeitszeit und Überzeit unterscheiden. Das erschwert es festzustellen, ob der berechnete Lohn ohne Überzeit zustande gekommen ist oder nicht.
  • Ein weiteres Problem ist der Druck der Einkäufer gegenüber der Fabrik, die Einkaufspreise zu reduzieren (trotz steigender Kosten vor Ort). Damit sinken nämlich die Margen der Fabrik und der Spielraum für die Lohnkosten. Ein Produzent kritisierte beispielsweise, dass ein Schweizer Grossunternehmen ein Produkt im Heimatmarkt im Jahr 2012 nur noch zur Hälfte des Preises aus dem Jahre 2011 verkauft – und deshalb einen um 15% niedrigeren Einkaufspreis verlangt. Dabei ist der Produzent selber bereits am Limit angekommen und hat keine Möglichkeit mehr, den Preis nach unten anzupassen.
  • Als weitere Herausforderung gilt die geringe Loyalität der ArbeiterInnen gegenüber ihrem Arbeitgeber: Zahlt eine Nachbarfirma einige Cents mehr, so wechselt der Arbeitnehmende von einem auf den anderen Tag den Arbeitsplatz. Das zeigt aber auch die Not der ArbeiterInnen, die bereits wegen weniger Euros mehr Lohn im Monat den Arbeitgeber wechseln.
  • Das Bewusstsein der Produzenten zur Thematik „Existenzlöhne“ scheint gering zu sein. Vielen Produzenten ist der Begriff „Living Wage“ nicht geläufig und sie werden von ihren Käufern nicht damit konfrontiert, obwohl ihr Code of Conduct den Begriff enthält. Andere setzen den Existenzlohn mit dem staatlichen Mindestlohn gleich und sehen daher keinen Handlungsbedarf. Erstaunlicherweise kennen einzelne Produzenten, die FWF Mitglieder als Käufer haben, den Ansatz der Wage Ladder nicht.

Was können Unternehmen tun?

Am einfachsten wäre es natürlich, wenn Regierungen die nationalen Mindestlöhne so festlegen würden, dass die ArbeiterInnen tatsächlich davon leben können. Aber Staaten stehen in einem Standortwettbewerb, in dem es sehr schwierig ist, höhere Löhne durchzusetzen.

Natürlich stehen auch die Markenunternehmen in einem Wettbewerb, aber sie haben verschiedene Möglichkeiten, die Zahlung fairer Löhne voran zu treiben. Kooperation in der Lieferkette ist hier das zentrale Stichwort. Bisher bemüht sich nur eine Minderheit der Textilunternehmen, dass tatsächlich Existenzlöhne in den Nähereien bezahlt werden. Damit das Lohnniveau angehoben werden kann, müssen sich die einkaufenden Firmen und Produzenten zur Zahlung von Existenzlöhnen bekennen. Einkäufer sollten mit den Einkäufern anderer Firmen, die mit der gleichen Fabrik zusammen arbeiten, kooperieren. Denn die Fabriken können vor allem dann Existenzlöhne zahlen, wenn die Einkaufpreise aller Einkäufer so gestaltet sind, dass die Fabrik auch noch ihre Margen erhält. Beim Finden von Kooperationspartnern spielt natürlich die Transparenz der Lieferbeziehungen eine wichtige Rolle. Zur Zeit sperren sich aber viele Unternehmen gegen mehr Transparenz da sie befürchten, dass dadurch ein möglicher Wettbewerbsvorteil gegenüber der direkten Konkurrenz verloren geht. Produzenten müssen auch stärker sensibilisiert werden für das Thema Existenzlöhne. Zum besseren Verständnis des lokalen Kontexts ist es hilfreich, mit lokalen Experten und Akteuren zu kooperieren, die Probleme einzuordnen und gezielter anzugehen, die durch Verständigungsprobleme und fehlendes lokales Verständnis entstanden sind.

Nicht zu unterschätzen: Der Einfluss der KonsumentInnen

Damit ein Produzent den NäherInnen Existenzlöhne zahlen kann, müsste der Einkaufspreis gemäss Lieferanten nur um wenige Cents erhöht werden. Wie anfangs erläutert ist dies rein theoretisch nicht viel, aber für die Unternehmen mit geringen Margen enorm wichtig. Die beschriebenen Herausforderungen aus Sicht von Schweizer Unternehmen und Indischer Produzenten haben aber gezeigt, dass verschiedenste Faktoren erfüllt sein müssen, damit die ArbeiterInnen einen Existenzlohn erhalten. Auch die KonsumentInnen müssen bereit sein, ein wenig mehr für ein Bekleidungsstück zu bezahlen – ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen. So sind viele Schweizer Unternehmen erst wegen der Kampagnen der Erklärung von Bern der FWF beigetreten. KonsumentInnen können deswegen auch durch die Unterstützung solcher Kampagnen Druck auf Unternehmen ausüben und zu höheren Löhnen in der Bekleidungsindustrie beitragen.

Autoren: Martin Hobi und Mark Starmanns

Mark Starmanns forscht an der Universität Zürich zu CSR im Bekleidungssektor und zu Existenzlöhnen. Er betreut die Masterarbeit von Martin Hobi zu den Herausforderungen der Implementierung von Existenzlöhnen bei Schweizer Textilunternehmen. Dieser Bericht fasst Martins vorläufige Erkenntnisse zusammen, vor allem von seiner zweimonatigen Forschungsreise nach Südindien.


6 Kommentare on “AUS DER FORSCHUNG: WARUM WERDEN NÄHERINNEN IN DER MODEINDUSTRIE NICHT FAIR BEZAHLT?”

  1. Regina sagt:

    HI Martin,
    ich würde gerne für einen Artikel mehr über Deine Ergebnisse wissen. Kannst Du mich irgendwie kontaktieren?
    Danke, Regina

  2. Beate sagt:

    Toller, informativer Artikel! Wirklich gut recherchiert!

  3. giano sagt:

    Gute Arbeit. Deutlich und verständlich geschrieben. Das ist wirklich ein sehr komplexes Thema, schwierig zu durchschauen. Diese Arbeit leistet da ja Grundlagenforschung. Danke dafür.

  4. Danke für diesen hochinformativen Artikel. Leider ist das Thema so vielschichtig und undurchsichtig, dass ich froh bin, solche faktenreichen Artikel zu lesen. Es zeigt auch das Dilemma aller in der Textilindustrie. Dies aufzubrechen ist schier unmöglich.
    Firmen, die wie wir gerne mehr zahlen wollen, aber unter der Bedingung, das es direkt ankommt, haben Schwierigkeiten, das zu tun und zu kontrollieren. Wir würden uns sehr über Alternativen freuen, z. B. 50-Cent mehr pro Shirt, die in Bildungsprojekte fliessen, für die Kinder der Arbeiter. Aber auch das ist wohl sehr schwer für Textilfabrikanten, oder die Zertifizierer, bei der Vielzahl an Fabriken und der Fluktuation der Arbeitnehmer.
    Bitte macht ihr weiter so.

  5. Anna Lazorova sagt:

    Hi, is there any chance the article will be also available in English?

    • Martin sagt:

      Hi Anna,

      Thanks for your comment.
      At first I have to finish my master thesis, which is written in German. But there’s a chance that I will write a summary in English. If so, it will be published here (end of the year).

      Best regards,
      Martin


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