DAS IOU-PROJEKT: „Be the change you want to see“

Anstelle billiger Massenware bietet das IOU-Projekt („I owe you“) erschwingliche Einzelstücke mit Geschichte und Gesichtern. Mitinititantin und Designerin Kavita Parmar sieht ihr Projekt als ein Experiment, Güter auf neue Art zu produzieren und zu vertreiben. Parmar nennt es auch die Revolution der Information über die Industrie. Durch direkte Vermarktung über das Internet werden viele Zwischenhändler und Ladenmieten vermieden. So können gute Preise und gleichzeitig faire Löhne gewährleistet werden. Ihr Gandhi-Motto: „Be the change you want to see“ hat auch schon Bruno Pieters inspiriert.

Seit bald einem Jahr gibt es das IOU-Projekt, hinter dem ein ausgeklügeltes Vertriebs- und Transparenz-Konzept steht: Wer ein Kleidungsstück von IOU kauft, weiss per QR-Code, in welchem Land, welcher Region, und von welcher Person der Stoff gewebt wurde. Die Kaufende schaut auch gleich in die Augen des Menschen, der das Textil in Europa weiterverarbeitet hat – Projektbesuche vom Sofa aus. Wer ein Textil kauft, wird ausserdem gebeten, ein Foto von sich selbst hochzuladen. Dies können dann wiederum die Produzierenden sehen.

Vollkommene Transparenz ist für Kavita Parmar die oberste Maxime des IOU-Labels und der dazu gehörenden Plattform, auf der Produzierende mit Konsumierenden verbunden werden. Beim innovativen Vertriebskonzept der „Trunk Shows“ packt man Kleidungsstücke in den eigenen virtuellen Koffer (Trunk) auf Facebook, wo Freunde sie anschauen und kaufen können. Dies garantiert eine rasche Verbreitung der Idee und der Produkte. Konsumenten und Fans werden zu Promotern und Wiederverkäufern, die sogar eine kleine Provision erhalten, sobald das Kleidungsstück verkauft ist. Auch vom I-Phone und bald vom Android aus kann man per Trunk-App Kleider anschauen, hosten, kaufen und verkaufen.

Von Anfängen und Zielen

Angefangen hat die Produktelinie mit Hemden, Blusen, Röcken, Hosen, Schals und Kleidern aus traditionellen indischen Lungis, einem Madras-Karostoff, den Kooperativen in Indien seit den 30er-Jahren auf einfachen Webstühlen herstellen. Ergänzt wird das Sortiment inzwischen mit Jeans, die teilweise aus Recyclingfasern und Bio-Baumwolle in der Türkei, Japan oder Italien hergestellten werden. Bald sollen weitere Produkte aus anderen Textilien und Ländern hinzukommen.

Kavita Parmar will wertvolle Einzelstücke in grosser Menge produzieren. Auf jedem der traditionell acht Meter langen Stücke wird jeder Schnitt nur einmal verwendet – aus acht Metern entstehen so zum Beispiel ein Schal und ein Hemd, oder eine Weste und ein Kleid. Dabei ist jeder Lungi in seiner Farbkombination und seinem Muster ein Einzelstück. Die Reststücke vom Kleidungszuschnitt werden für Innentaschen und andere Details an Jeans und Chinos verwendet, die ebenfalls zu Unikaten werden.

Durch die Verwendung der Stoff-Unikate setzt Parmar das Produkt in einen Kontext, wo es nicht mit Massenware konkurrieren muss oder soll; denn weder für die Handweber in Indien noch für die Textilbetriebe in Europa ist es möglich oder sinnvoll, mit Massenware aus Fernost zu konkurrieren.

Am liebsten, so Parmar, möchte sie in Zukunft mit noch mehr Handwerkern auf der ganzen Welt zusammenarbeiten und die Produktevielfalt auf IOU-Projekt vergrössern. Ebenfalls hat sie die Vision, dass IOU eine Plattform für andere Designer und Marken sein kann, die das Transparenz-Tool nutzen wollen. Ziel sei, das Leben vieler, nicht nur einiger, zu beeinflussen.

Transparenz- wie weit?

IOU arbeitet sehr stark auf einer emotionalen Basis mit dem Gedanken der Verbindung zwischen Konsument und Herstellenden. Ich weiss nun also, wie der Weber oder die Weberin meines neu erworbenen Kleidungsstücks aussieht, mag auch den Stolz und die Freude, die die Fotos und Videos transportieren, ansteckend finden; doch weiss ich, wieviel die Herstellenden verdienen? Wie sind die Anstellungs- bzw. Vertragsbedingungen?  Wo wird gefärbt und gesponnen?

Zwar kann ich das Anmelde-Formular eines jeden Webers einsehen, dies ist allerdings wenig aussagekräftig. Ich erfahre, dass ein zusätzlicher Dollar pro Lungi an social business-Projekte der Genossenschaften geht, erahne nach der Kombination verschiedener Fakten einen ungefähren Lohn; erfahre, dass die Baumwolle nicht biologisch, aber lokal produziert ist.  Erst auf den zweiten Blick finden sich Blogposts und Videos, die noch mehr über Herkunft der Jeans, Färbeverfahren der Stoffe und andere Aspekte zeigen. Transparent dokumentiert und explizit erwähnt ist jedoch wenig.

Was mir wiederum sehr gefällt: Auch ein Weber oder ein Mitglied der Kooperative kann – theoretisch – Trunk-Show-Owner werden und sich so an der weiteren Wertschöpfung des von ihm hergestellten Stoffes beteiligen. Offen bleibt, wie weit die Weberinnen real die Möglichkeit haben, dieses Angebot zu nutzen- mir ist auf der Website keiner der Hersteller als Trunk-Show-Owner begegnet.

Trotzdem!

Ich freue mich, dass die Transparenz bei IOU so einen prominenten Platz bekommt und bin begeistert von der schönen Seite und der Kombination vieler innovativer Ideen. Wie bei jedem anderen Label bleibt aber auch hier das Selbst Denken und Fragen Stellen nicht erspart.

Wer neugierig geworden ist, findet Kleider, Leute und Infos auf iouproject.com. Ich wünsche frohes Anschauen, Ausprobieren, Teilen und Trunk-Owner werden!

Preise: Blazer ca. 150 Euro, Hemden & Jeans ca. 80 Euro, Tücher ca. 40 Euro

Text: Anna Perrottet



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