STELLUNGNAHME ZUM BLOOMBERG-BEITRAG: KINDERARBEIT IN BURKINA FASO / BEI VICTORIA’S SECRET

Das US-amerikanische Nachrichtenunternehmen Bloomberg hat am 15.12. eine Reportage veröffentlicht, in der behauptet wird, dass in Burkina Faso Bio- und Fairtrade-Baumwolle für die Unterwäschenfirma Victoria’s Secret von Kindern gepflückt wird. Das ist eine schlimme Realität. Trotz dieser Nachricht finden wir wichtig, dass Konsumierende nicht das Vertrauen in Bio- und Fairtrade-Baumwolle verlieren. Hier erklären wir unseren Standpunkt.

Der Journalist Cam Simpson porträtiert auf über 4.000 Wörtern unterlegt mit Videos den Alltag eines 13 jährigen Mädchens, das auf Baumwollfeldern in Burkina Faso arbeitet. Wie in vielen afrikanischen Ländern ist Kinderarbeit leider auch hier der schlimme Alltag. Laut dem Bericht waren die Felder, auf denen das Kind gearbeitet hat, Bio- und Fairtrade zertifiziert, und eigentlich sollten diese Systeme garantieren, dass es nicht zu ausbeuterischer Kinderarbeit kommt. Der grösste Teil der Ernte geht laut Simpson an Victoria’s Secret, wo sie in bestimmten Kollektionen beigemischt wird, ohne dass dies aber gelabelt wird. Der Artikel behauptet sogar, dass die höheren Profite von Bio- und Fairtrade-Baumwolle Ausbeutung motiviert habe: „paying lucrative premiums for organic and fair-trade cotton has – perversely – created fresh incentives for exploitation“.

Wir finden es wichtig, dass die Medien auf Probleme wie Kinderarbeit aufmerksam machen, auch wenn es sich um Probleme im Bereich vorbildlicher Praktiken wie Fairtrade- oder Biobaumwolle handelt, welche  wir unterstützen und fördern wollen. Kinderarbeit ist schlimm und sollte verhindert werden, denn Kinder sollten eigentlich spielen statt auf Feldern zu arbeiten. Leider ist in vielen Ländern Kinderarbeit eine weit verbreitete Realität und in Afrika ist es für einen Journalisten relativ einfach ein Kind zu finden, das auf Baumwollfeldern arbeitet. Doch bei Kinderarbeit muss unterschieden werden zwischen Kindern, die den Eltern auf dem Feld mithelfen (und dann oft noch zur Schule gehen) und Kindern, die systematisch ausgebeutet werden und dafür nicht oder kaum bezahlt werden. Die erste Form der Kinderarbeit wird toleriert, die zweite nicht. Leider besteht trotz einer FLO-Zertifizierung  (die zweite Variante der Kinderarbeit verbietet) immer das Risiko, dass Kinder auch auf „Fairtrade“ Feldern arbeiten – wie auch bei anderen Initiativen wie Cotton Made in Africa oder Better Cotton Initiative. Keine Zertifizierung kann Kinderarbeit vollkommen ausschliessen. Und deshalb war es Simpson möglich, ausbeuterische Kinderarbeit in Burkina Faso zu identifizieren.

Kommentare von Leserinnen auf amerikanischen Zeitungsseiten zeigen, dass sich einige der Leserinnen nun entsetzt von Victoria’s Secret abwenden. Auch wenn dies eine vielleicht verständliche Reaktion ist, bringt sie leider wenig, weil andere Firmen wie z.B. Triumph mit den gleichen Problemen konfrontiert sind. Problematisch wäre nun, wenn Konsumierende aufgrund des Artikels das Vertrauen in Bio- oder Fairtrade-Baumwolle verlören und ihre Kaufentscheidungen nicht mehr an Kriterien wie „Bio“ oder „Fairtrade“ orientierten – denn es wäre die falsche Reaktion. Fakt ist, dass kein Zertifizierungssystem perfekt ist und wir immer mit negativen Schlagzeilen rechnen müssen. Fakt ist aber auch, dass sowohl die Bio- als auch die Fairtrade-Baumwolle auf unterschiedliche Weisen dazu beitragen, dass sich die Situation der Bauern und ihrer Familien auf den Feldern verbessert. Hier seien kurz zwei von vielen positiven Aspekte genannt: Fairtrade-Baumwolle sorgt dafür, dass die Bauern einen garantierten Mindestpreis für ihre Baumwolle bekommen. Da der Weltmarktpreis für Baumwolle oftmals sehr viel niedriger als dieser Mindestpreis ist, hilft dies den Bauern in Zeiten niedriger Baumwollpreise enorm beim Überleben. Biobaumwolle trägt durch die vollkommen andere Felderbewirtschaftung nicht nur dazu bei, dass Felder auch langfristig Erträge bringen, sondern verzichtet auch auf chemische Düngemittel, die oftmals (von Kindern) ohne Schutzgeräte aufgetragen werden. Für das Wohl der Bauern und ihrer Umwelt sollte eigentlich nur noch Bio- und Fairtrade-Baumwolle gekauft werden. (Hier finden Sie die Kurzfassung einer von Helvetas in Auftrag gegebenen Studie der Universität Bern, die darlegt, dass die Bio- und Fairtrade-Baumwollproduktion einen sehr deutlichen positiven Einfluss auf die Ernährungssituation, die Gesundheit und Schulbildung der Kleinbauern und ihrer Kinder hat.)

Warum Simpsons Artikel auch Positives bewirken kann: Sowohl Helvetas (die sich seit 2004  in der Förderung der Bio-Baumwolle in Burkina Faso engagiert) als auch die Fair Labelling Organization (FLO) prüfen nun umfassend nach, wie es zu den in dem Artikel geschilderten Problemen kommen konnte, und werden so versuchen, ihre Systeme für das Wohl der Kinder zu optimieren.

Letztendlich sind sowohl Bio- also auch Fairtrade-Baumwolle keine Allheilmittel für die Armen in Afrika. Aber sie sind ein wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedinungen von Kleinbauern und der Umwelt – und jeder Konsumierende kann relativ einfach dazu beitragen. Beide Systeme helfen den Bauern und ihren Familien jedenfalls sehr viel mehr als die Baumwolle, die nach keinem Zertifizierungssystem angebaut wird.

Was in dem Artikel leider fehlte – und warum die von Simpson behauptete Kausalität zwischen höheren Profiten durch Bio/Fair Trade und Kinderarbeit eine sehr gewagte Hypothese ist: Vor allem die enormen Agrarsubventionen der USA für US-amerikanische Baumwollbauern tragen dazu bei, dass die Bauern in Afrika zu wenig Geld verdienen (und folglich ihre Kinder mitarbeiten lassen). Deshalb ist fraglich, warum der Artikel das Problem der Subventionen mit keinem Wort erwähnt hat – aber statt dessen behauptet, dass Mehreinnahmen durch Bio- oder Fairtrade-Baumwolle die Ausbeutung von Kindern fördere. Leider liest sich der Artikel stark wie eine Werbung für US-amerikanische Baumwolle (siehe Bild), die ohne Subventionen überhaupt nicht konkurrenzfähig wäre.

Text: Mark Starmanns

Hier ein Auszug aus der Stellungnahme von Helvetas: Tatsache ist, dass Kinderarbeit in der Baumwollproduktion in ganz Westafrika verbreitet ist. Dabei ist zu unterscheiden zwischen arbeitenden Kindern und ausgebeuteten Kinderarbeitern. Dass Kinder den Eltern bei der Feldarbeit helfen, ist weit verbreitet – notabene auch auf Landwirtschaftsbetrieben bei uns in der Schweiz. Demgegenüber steht die ausbeuterische oder missbräuchliche Kinderarbeit, die gefährlich ist, die Schulbildung und/oder seelische und körperliche Gesundheit der Kinder beeinträchtigt. Ein erhöhtes Risiko für missbräuchliche Kinderarbeit besteht insbesondere bei den sog. „enfants confiés“. Dabei handelt es sich um eine Form von Pflegekindern, deren Eltern sie nicht ernähren können und deshalb in die Obhut meist von Verwandten gegeben werden. Dies ist Ausdruck der extremen Armut, in der 80 Prozent der Menschen in diesem Land leben. Gemäss UNO steht Burkina Faso auf dem Entwicklungsindex auf Platz 181 von 187 Ländern. Gerade das Recht auf Bildung kann unter diesen Bedingungen bei weitem nicht für alle Kinder gewährleistet werden. Gerade in ländlichen Gebieten fehlen vielerorts Schulen und ausgebildete Lehrpersonen und viele Familien können das Schulgeld für ihre Kinder nicht aufbringen. Mit dem Biobaumwoll-Projekt hilft Helvetas, die prekären Lebensumstände dieser Menschen zu verbessern. Oftmals können die Familien erst dank den bis zu 70 Prozent höheren Preisen für Bio-Baumwolle ihre Kinder in die Schule schicken. Eine durch die Universität Bern Ende 2008 durchgeführte Wirkungsstudie belegt, dass die Bio- und Fairtrade-Baumwollproduktion einen sehr deutlichen positiven Einfluss auf die Ernährungssituation, die Gesundheit und Schulbildung der Kleinbauern und ihre Kinder hat.

Hier ein Auszug aus der Stellungnahme der FLO: Fairtrade prohibits child labour as defined by the International Labour Organization (ILO) minimum age and the Worst Forms of Child Labour conventions. However, no person or product certification system can provide a 100% guarantee that a product is free of child labour. Child labour, especially exploitative and abusive forms of child labour, are illegal activities that are often well hidden.  Fairtrade provides a rigorous certification and audit system designed to detect and remediate cases of child labour. We guarantee that if breaches of our requirements on child labour are found, we take immediate action to protect children, prevent the farms using child labour from selling into the Fairtrade system, and then support the producer organization to strengthen its own systems and develop child protection policies and procedures adapted to their specific context.
We strongly disagree with Bloomberg’s claim that paying farmers more for their cotton, as in Fairtrade, encourages exploitation. However, we understand that simply paying more for cotton is not enough to ensure children are not abused, neglected and/or exploited. Child labour is a systemic problem perpetuated by poverty and unfair terms of trade, lack of access to quality education and social protection, discrimination, conflict, and other factors. It is also a widespread issue, with an estimated 126 million children working under the Worst Forms of Child Labour around the world, and cannot be eliminated with a single approach. It is why Fairtrade has developed a multifaceted approach to address issues of child labour.
Fairtrade takes a holistic approach to addressing the root causes of child labour and proactively preventing abuse and exploitation of children. Besides improving our own systems to detect child labour, we also support Fairtrade producer communities to establish child-inclusive community-based monitoring and remediation systems. Fairtrade supports vulnerable farming families with a Fairtrade Minimum Price for much needed income stability and a Fairtrade Premium to invest in education, healthcare, rural infrastructure and other projects. We are building partnerships with expert organizations and have sought their feedback on our approach to eliminating child labour.

Hier geht’s zum Artikel in „Der Spiegel


2 Kommentare on “STELLUNGNAHME ZUM BLOOMBERG-BEITRAG: KINDERARBEIT IN BURKINA FASO / BEI VICTORIA’S SECRET”

  1. […] Mark Starmanns Auf dem Blog findet ihr auch einen Auszug aus Stellungnahme von Helvetas und von FLO zum […]

  2. Einen kurze Ergänzung: Mir liegt gerade ein Brief von der lokalen Bauerngruppe „Union Nationale Des Producteurs De Cotton Du Burkina“ vor, in dem der Präsident vehement Simpsons Behauptungen abstreitet. Er sagt, dass zwei der drei von Simpson genannten Personen (Victorien Kamboule und Baasolokoun Bassole Dabire) gar nicht als Produzenten der Produzentenorganisation gelistet seien. Herr Kambire sei zwar interviewt worden, aber er habe den Reportern nicht berichtet, dass er Kinderarbeit verwendet habe. Ferner wird Simpson vorgeworfen, dass er 6.200 Personen, 40.000 Familienmitglieder und eine der grössten Erfolgsgeschichten Burkinas durch seine „Story“ in den Schmutz ziehe.
    Mark Starmanns


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