NICE & COPENHAGEN FASHION SUMMIT

Über 1000 Stakeholder aus den Bereichen Mode und Nachhaltigkeit versammelten sich am 3. Mai zum Copenhagen Fashion Summit in der dänischen Hauptstadt. In Vorträgen und Gruppendiskussionen wurde sich den offenen Fragen und Herausforderungen einer nachhaltiger zu gestaltenden Modeindustrie angenommen. Besonderes Interesse galt dabei den Konsumentinnen und Konsumenten von Mode (dem NICE Consumer) und wie man ihn zu nachhaltigeren Shoppingentscheidungen animieren kann. Maik Günther war für uns in Kopenhagen, um als Neuling im Thema Mode und Nachhaltigkeit das Treiben zu beobachten. Viele der dort diskutierten Fragen wird NETZWERK FAIRE MODE in den nächsten Monaten vertiefen.

Die NICE Consumer Konferenz

Zu Beginn kam der Überblick. Das war gut, konnte man so doch gleich erkennen wo die Reise in etwa hingehen sollte, oder die drei Reisen vielmehr, die Nachhaltigen. Anne Prahl vom Worth Global Style Network (WGSN), einer global aufgestellten Trendanalyse-Plattform für die Bereiche Fashion und Style, sprach als Erste auf dem Fashion Summit. Sie präsentierte drei Trends, die ihren Analysen zufolge den Konsum nachhaltiger Mode in Zukunft am stärksten prägen werden: Konzepte zum Ausbau nachhaltiger Fashion, den Umgang mit Klamotten während des Tragens und nach Entschluss des Aussortierens, sowie Transparenz in der Modeindustrie.

Und am Ende der Umsetzung all dieser Vorschläge in die Realität, so das formulierte Ziel, steht er da, der nachhaltige Konsument, der NICE Consumer. Derjenige, der sich zweimal überlegt, bewusst und auf informierte Art und Weise, was, wo, und wie viel er shoppen geht. Was hat es damit auf sich? Was ist NICE? Und wie werden wir so?

Was ist NICE?

Ins Leben gerufen wurde NICE im Jahre 2008 als gemeinsame Initiative des Dänischen Mode Instituts und des Business for Social Responsibility (BSR) Netzwerks. NICE steht für Nordic Initiative, Clean, and Ethical. Sicherlich kein Zufall, dass dieses Akronym dabei herausgekommen ist. Denn nice soll er sein, der Konsument der Zukunft. Und sich seiner exponierten Rolle bewusst sein, die er im Zuge der erwünschten Transformation der Modeindustrie in Richtung Nachhaltigkeit zu bekleiden hat. Konkret heißt es im NICE Handbuch dazu: der nice consumer fragt vermehrt nachhaltige Shoppingmöglichkeiten nach, er trifft informierte Entscheidungen zu Art und Herkunft der Kleidung, verbessert sein Verständnis für Stoffe und Textilien und wird sich seiner Möglichkeiten im Post-Konsum, wie zum Beispiel beim recyceln von Kleidungsstücken, bewusster.

Botschaft und Ziel der Initiative sind eindeutig: Um die Modeindustrie wirklich dazu anzuhalten ihre bisherigen Geschäftsmodelle zu überdenken, bedarf es einer wachsenden Nachfrage nach nachhaltigen Produkten. Man geht davon aus, dass Modekonzerne eben sonst nicht auf die Idee kommen würden, nachhaltigere Geschäftspraktiken an den Tag zu legen; oder zumindest nicht in dem Maße welches von Nöten wäre, um den Problemen und negativen Effekten einer global vernetzten Textilindustrie Herr zu werden. Eine rein altruistisch und aus ethischen Grundsätzen abgeleitete Verpflichtung kann wohl nicht alleinige Triebfeder nachhaltigen Wirtschaftens sein. Das war der generelle Konsens in Kopenhagen, sonst hätte es dieser Konferenz auch nicht benötigt. Und doch versuchten vereinzelte Vorträge, die nach Anne Prahl’s Ausführungen im prall gefüllten Kopenhagener Opernhaus gehalten wurden, Anderes zu implizieren. Wie z.B. die Rede von Helena Helmersson, Sustainability-Managerin bei H&M. Sie begründete die von ihrem Konzern bis 2020 in Aussicht gestellte ausschließliche Verwendung von „Baumwolle aus nachhaltigeren Quellen“ mit einer besonderen Verpflichtung dem Menschen und der Umwelt gegenüber. Dass betriebwirtschaftliche Überlegungen in diesem Entschluss sicherlich ebenso eine Rolle gespielt haben, verschwieg sie.

Den Konsumenten empowern – aber wie?

Es ging also darum, den Konsumenten in die Lage zu versetzen, bessere Entscheidungen zu treffen. Und der Industrie dadurch gleichzeitig erkennen zu geben, dass wir in Zukunft auf kurzlebige Materialien und toxische Stoffe, T-Shirts aus Kinderhänden und Umwelt verschmutzende Fertigungstechniken verzichten wollen. Ein Unternehmen, dass am Markt bleiben möchte wird darauf wohl eingehen müssen, so das Kalkül.

Konsensbeschwippst fuhr die Konferenz fort. Das ‚Warum’ war allen klar, über das ‚Wie’ wurde debattiert. Im Slang hieß das so: Wie den Konsumenten aware zu bekommen, für die Probleme und negativen Effekte der globalen Bekleidungsindustrie; wie ihn inspirieren, andere Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen; und ihn auf welche Art und Weise zu empowern und activaten, diese im Wust der Information aufzuspüren und letzten Endes auch nachzufragen.

Unsere Beziehung zu Kleidung überdenken

Im Zuge des ersten der von Anne Prahl identifizierten Nachhaltigkeits-Trends tauchten Konzepte wie Product Longevity und Design Efficiency auf. Beide zielen darauf ab die Schnelllebigkeit der Mode, sprich das dem Konsumenten suggerierte Gefühl man sei mit den Klamotten des letzten Jahres bereits aus der Mode, in Frage zu stellen. Sei es indem man neben einer physisch guten Qualität des Produkts, die das verlängerte Tragen eines Kleidungsstücks voraussetzt, auch bewusst emotionale Beziehungen zwischen Textil und Träger herstellt. Damit soll erreicht werden, dass KonsumentInnen Kleidung nicht nur länger tragen können, sondern auch wirklich möchten (Product Longevity). Eine hohe Design Efficiency spielt dem in die Karten. Denn  es geht dabei eben darum, die vermeintlich ausrangierten Kleidungsstücke so zu bearbeiten und aufzupeppen, dass sie gerne weiter getragen werden. Oder auch, bei endgültigen Beschluss des Ausrangierens, die einzelnen Komponenten so voneinander trennbar zu machen, dass sie problemlos in neue Formen und Produkte weiter verarbeitet werden können. Der Begriff Wardrobe Surgery in diesen Zusammenhängen fiel mehr als einmal an den Konferenztagen.

Im zweiten Trendblock wurde Ideen dazu gesammelt, wie sich der Konsument mit bereits gekauften Produkten am nachhaltigsten verhält. Und was er machen kann, wenn Kleidungsstücke nicht wieder getragen werden können, weil sie schlicht kaputt sind. Waschen, Bügeln und Trocknen von Kleidung sind Eingriffe in die Umwelt, deren Ausmaß weitverbreitet unterschätzt wird. Es wurde daran erinnert, dass eine simple Reduktion des Waschens oder der Verzicht von Wäschetrocknern bereits spürbar positive Auswirkungen auf unsere Umwelt haben würden. Innovatives Design, verbesserte Stoffe (die z.B. die Waschtemperatur von Textilien verringern) und auch ein neues Verständnis von Sauberkeit könnten ihr Übriges dazu tun, die Häufigkeit des Waschens und dessen Auswirkungen zu minimieren. Levis’ Kampagne Dirty is the new clean wurde beispielsweise hochgelobt.

Reduce, Repair, Reuse, Recycle. Was Patagonia mit seiner Common Threads Initiative bereits seit einiger Zeit probiert schien als Blaupause dafür zu dienen, was Anne Prahl als weitere Richtung des nachhaltigen Modekonsums ausgemacht hat: Reduziere die Anzahl der Klamotten, die Du kaufst. Repariere die, die Du hast. Verkaufe oder gebe die Kleidung weiter, die Du nicht mehr haben möchtest. Und gib deine alten Sachen an den Hersteller zurück, so dass dieser Neues daraus machen kann. Oder, wie Rick Ridgeway, Umweltmanager bei Patagonia, in Kopenhagen zu der Idee seiner Kampagne sagte: „Das grünste T-Shirt ist jenes, das es schon gibt.“

Trend Nummer drei geht gezielt auf den Konsumenten und seine meist begrenzten Möglichkeiten ein, sich wirklich umfassend über nachhaltige Mode zu informieren. Oft fehlt auch schlicht das Bewusstsein dafür, welch negativen Auswirkungen die global agierende Textilindustrie bisweilen verursacht. Verschiedene Initiativen wollen dem entgegenwirken. Erstens durch gezielte Kampagnen, die die Missstände in den globalen Wertschöpfungsketten beleuchten und die Konsumenten zu mehr Sensibilität im Umgang mit Mode anregen. Und zweitens durch vermehrte eduation on clothes, der Idee dass der Konsument durch bessere Informationen, die von den Unternehmen zunehmend abverlangt und auch vermehrt bereitgestellt werden, bewusstere Shoppingentscheidungen trifft. In die Kleidung integrierte ID-Tags, die bei Scannen durch ein Smartphone Auskunft geben zur Lieferkette des Textils, wurden breit diskutiert. Ebenso Websites, die nach Eingabe des Produkt-Barcodes Informationen zur Herkunft der Materialen und Sozialverträglichkeit der Produktion ausspucken. Beide stellen, Anne Prahl’s Prognosen zufolge, den nächsten Schritt zu mehr consumer empowerment dar.

Die politische Agenda

Doch auch den NICE Leuten war bewusst, dass solch Graswurzel-Aktionismus (wie ein NGO-Mitarbeiter beim gemeinsamen Lunch leicht spöttisch vom Nebentisch vermerkte) auf Dauer nicht erfolgreich sein kann, wenn nicht auch die anderen Seiten gehört werden. Es wurde also weiter überlegt, an welchen Stellschrauben eben noch gedreht werden muss, um die Textilhersteller zu nachhaltigerem Wirtschaften anzuhalten.

So war ein weiteres Ziel der Konferenz die Übergabe eines eigens ausgearbeiteten Code of Conduct für die Modeindustrie. Eine Gruppe verschiedenster Stakeholder – Modefirmen, NGOs, Wissenschaftlern, Trendforschern, Designern, Journalisten, Politikern und Studenten – setze sich zusammen und adressierte die dringende Frage, wie nachhaltige Modeproduktion und dessen Konsum in Zukunft aussehen müssen. In starker Anlehnung an den UN Global Compact und unter Mitarbeit der UN wurden 16 Prinzipien formuliert, die den Herstellern gezielte Aufgaben sowie Hilfestellungen an die Hand geben, um ihre eigene Produktion und die ihrer Zulieferer nachhaltiger und fairer zu gestalten. Das Ergebnis dieser durch UN und NICE vereinbarten, ersten sektorspezifischen Zusammenarbeit unter dem Dach des Global Compact, wurde am Ende der Veranstaltung medienwirksam übergeben an Ole Sohn, den Dänischen Minister für Wirtschaft und Wachstum sowie an Connie Hedegaard, EU-Kommissarin für Klimaschutz. Zwei Personen also, die qua Amt nicht nur in der Lage sind die Selbstverpflichtungen der Industrie zu begrüßen, sondern sie auch durch entsprechende Gesetzesvorhaben zu begleiten. Auch als Werbung schien es gemeint, bekleidet Dänemark schließlich noch bis Mitte des Jahres die EU-Ratspräsidentschaft und ist dadurch in der exponierten Lage, auch europaweit auf die NICE-Initiative aufmerksam machen.

Der NICE-Blick auf die kommenden Jahre

Eine gute Ausgangssituation also, das Anliegen einer nachhaltigeren Textilindustrie in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Angelegt ist das Projekt jedoch auf einen längeren Zeitraum, ein 10-Jahres Plan wurde verabschiedet und weitere Konferenzen für die nächsten Jahre geplant. Denn auch NICE versteht, dass die Transformation einer ganzen Branche, dessen Ziel es ist das Adjektiv „nachhaltig“ auf Sicht obsolet werden zu lassen (da zukünftige Kollektionen diesen Ansprüchen ohnehin entsprechen werden), Geduld benötigt.

Und trotzdem war es wohl höchste Zeit, dass etwas passiert. Denn wie Ian Johnson, Generalsekretär des Club of Rome, bei der Vorstellung des neuen Wachstumsberichts in dieser Woche sagte: „Wenn wir wollen, dass unsere Enkelkinder auf einem zukunftsfähigen und gerechten Planeten leben, ist Business as usual keine Option mehr.“

Das versucht die Modebranche nun. Und ob sie sich die Anregungen und Vorschläge für nachhaltigeres Wirtschaften zu Herzen genommen hat wird man spätestens in zwei Jahren sehen. Denn da findet die nächste NICE Konferenz statt.

Maik Günther, 28, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist. Im Zuge seiner Masterarbeit widmete er sich den Themen nachhaltiger Wirtschaft und Corporate Social Responsibility. Die Schmittstelle zur Mode kam in Kopenhagen nun neu hinzu.

Dieser Artikel spiegelt die Sichtweise des Autors wider. NETZWERK FAIRE MODE hat inhaltlich keine Änderungen am Text vorgenommen.   

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